Viele Mitarbeitende fallen aus oder kündigen gar ihren Job, wenn sie Angehörige pflegen. Das kostet die Wirtschaft Millionen. Trotzdem haben die wenigsten Unternehmen das Thema Pflege auf dem Radar. Ein Berliner Arbeitgeber geht andere Wege.
Das Wichtigste vorweg
Ein unterschätztes Problem: In Deutschland kümmern sich Millionen Menschen um pflegebedürftige Angehörige. Viele arbeiten gleichzeitig in Voll- oder Teilzeit – und stoßen dabei oft an ihre Grenzen.
Konkrete Lösungen: Deshalb sucht Torsten Eckel mit seinem Team aktiv nach Wegen, Pflege und Beruf besser miteinander zu verbinden.
Ein Tabu: Für ihn steht fest: Offene Gespräche nehmen Druck. Denn viele Betroffene kämpfen zusätzlich mit Schuldgefühlen. „Vielleicht, weil Pflege und Beruf noch immer ein Tabuthema sind.“
Wenn plötzlich der eigene Vater zum Pflegefall wird
Die Tochter organisiert Arztbesuche, kontrolliert die Medikamente, pendelt mehrmals pro Woche zu ihm – allein der Weg kostet Zeit und Kraft. Gleichzeitig versucht sie, im Job die gewohnte Leistung zu bringen. Der Chef soll nichts merken: nicht von den schlaflosen Nächten, nicht vom Stress, nicht von den Sorgen. Muss sie kurzfristig einspringen, meldet sie sich krank. Urlaub hat sie längst keinen mehr.
So oder so ähnlich sieht der Alltag unzähliger Menschen aus, die mitten im Berufsleben stehen und trotzdem für Angehörige sorgen. „Und doch haben die meisten Arbeitgeber dieses Thema nicht im Blick“, sagt Torsten Eckel, kaufmännischer Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität eG in Berlin, zum Online-Magazin ProVita. Auch er wusste lange nicht, wie viele seiner 36 Mitarbeitenden zu Hause zusätzlich Verantwortung tragen. „Wenn man nicht betroffen ist, beschäftigt man sich selten damit.“
Der Wendepunkt: Ein Workshop inmitten der Pandemie
2021 bot Eckel seinen Mitarbeitenden erstmals einen Online-Workshop für pflegende Angehörige an – und war überrascht, wie groß das Interesse war. Ein Drittel der Belegschaft meldete sich an. Für ihn ein Augenöffner. Er erkannte: Dieses Thema ist viel größer, als ihm bewusst war, und es betrifft sein Team unmittelbar. Von da an erklärte er die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zur Chefsache.
Er weiß: Viele pflegende Angehörige fallen öfter aus, manche müssen sogar ganz aus dem Beruf ausscheiden. „Das möchte ich unbedingt vermeiden. Meine Fachkräfte sollen so lange wie möglich gesund bleiben – körperlich wie mental.“ Die Belastung sei enorm, auch finanziell. „Pflege ist teuer. Im Pflegeheim liegt der monatliche Eigenanteil inzwischen bei durchschnittlich 3.100 Euro.“
Und dann wurde er selbst zum pflegenden Angehörigen
Nur wenige Monate später traf es ihn selbst: Seine Mutter erkrankte 2021 an Demenz, und ihr Zustand verschlechterte sich schlagartig. Plötzlich musste Torsten Eckel Entscheidungen treffen, obwohl er sich völlig überfordert fühlte. „Die Bürokratie ist enorm. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte.“
Was ihm half, war eine gute Pflegeberatung.
„Man bekommt eine klare Übersicht über Leistungen, Möglichkeiten und Anlaufstellen. Das war entscheidend, um die richtigen Schritte zu gehen.“
Er holte seine Mutter nach Berlin und fand ein Pflegeheim, in dem sie sich wohlfühlte. Er konnte sie regelmäßig besuchen – bis sie schließlich verstarb. Rückblickend sagt er: „Ich würde alles wieder genauso machen. Aber dafür braucht es gute Informationen und ein verständnisvolles Umfeld.“
Wie er heute seine Mitarbeitenden unterstützt
Genau dieses Umfeld möchte er auch in seinem Unternehmen schaffen. In jedem Mitarbeitergespräch fragt er inzwischen nach familiären Pflegefällen – wertschätzend und ohne Druck. „Viele trauen sich sonst nicht, darüber zu sprechen.“
Aktuell weiß er von vier Mitarbeitenden, die Angehörige pflegen – mehr als zehn Prozent der Belegschaft. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen: Homeoffice, maximale Flexibilität, Vier-Tage-Woche, klare Vertretungsregeln für Notfälle.
Außerdem stellt er Informationen, Kontakte und Workshops bereit. Für ihn steht fest: Offene Strukturen und Verständnis nehmen den Betroffenen viel Last von den Schultern. „Vielleicht, weil Pflege und Beruf noch immer ein Tabuthema ist“, sagt er. „Dabei kann es jeden treffen.“
Autorenbox Dieser Text hat die Redaktion von ProVita verfasst. Diese betreibt ein führendes Online-Magazin rund ums Älter werden. ProVita vertreibt seit vielen Jahren erfolgreich Notrufsysteme, um ein selbstbestimmtes und sicheres Leben zu Hause zu ermögliche
